Erläuterung
Verteilte Anwendungen in Fabrikationsautomatisierung, Produktionskontrolle,
Flugbuchung, Banken und Bürowelt stellen spezielle Anforderungen
an die sie unterstützenden DV-Systeme. Neben der Verteilung von Datenbeständen
kommt der Aufteilung einer Gesamtaufgabe in Teilaufgaben eine zentrale
Bedeutung zu. Im Gegensatz zur zentralen Problemlösung wird bei verteilten
Anwendungen die Lösung einer Gesamtaufgabe durch die Kooperation
der beteiligten Teilsysteme erreicht. Wegen der geographischen Verteilung
müssen die beteiligten DV-Systeme in einem Rechnernetz verbunden
sein. Wenn nur DV-Systeme eines Herstellers verwendet werden, können
Daten und Informationen gemäß einem herstellerspezifischen
Kommunikationsprotokoll ausgetauscht werden. Bei heterogenen DV-Systemen
ist die Verwendung eines standardisierten Kommunikationsprotokolls
erforderlich.
Im ISO-OSI (OSI = Open Systems Interconnection)-Referenzmodell wird
die Kommunikation heterogener systeme durch sieben Schichten modelliert.
Die siebte Schicht - auch Anwendungsschicht (Application Layer)
genannt - stellt im Gegensatz zu den übrigen Schichten keinen generellen,
schichtspezifischen Dienst bereit, sondern besteht aus zahlreichen Anwendungsdienstelementen
(Application Service Elements). Die folgenden Beispiele stellen eine Auswahl
solcher Anwendungsdienstelemente (im folgenden kurz Dienstelemente genannt)
dar:
- ACSE (Association Control Service Element) unterstützt den Auf-
und Abbau von Anwendungsverbindungen.
- ROSE (Remote Operations Service Element) unterstützt die Ausführung
entfernter Operationen.
- TP (Transaction Processing) beziehungsweise CCR (Commitment, Concurrency
and Recovery) unterstützen die Initiierung, Terminierung und Verwaltung
verteilter Transaktionen in heterogenen Rechnernetzen.
- RDA (Remote Database Access) unterstützt den Zugriff auf entfernte
Datenbanken.
- FTAM (File Transfer, Access and Management) unterstützt das Erzeugen,
Lesen und Manipulieren entfernter Dateien.
- MOTIS (Message Oriented Text Interchange System) unterstützt
den Austausch von Dokumenten vorwiegend im Bürobereich.
Einige Dienstelemente werden auf der Basis anderer Dienstelemente realisiert,
die Dienstelemente RDA und FTAM stützen sich z.B. auf die Dienstelemente
ACSE, ROSE und CCR beziehungsweise TP ab. Die damit verbundenen Abhängigkeiten
von Dienstelementen haben in der ISO zu der Einteilung in allgemeine
Dienstelemente" (CASE, Common Application Service Elements) und spezielle
Dienstelemente" (SASE, Specific Application Service Elements) geführt.
Diese Einteilung hat in der Vergangenheit immer wieder zu kontroversen
Diskussionen geführt, nicht zuletzt deshalb, weil allgemeine Dienstelemente
nicht nur über spezielle Dienstelemente", sondern auch
direkt einer Anwendung zur Verfügung gestellt werden können.
Grundsätzlich legt jedes Dienstelement sogenannte Dienstprimitive
fest. Abhängig von den Kommunikationsanforderungen einer speziellen
Anwendung werden ein oder mehrere Dienstelemente ausgewählt. Die
Verwendung von Dienstprimitiven durch den Benutzer und damit die Wechselwirkung
zwischen Anwendung und Kommunikationssystem soll im folgenden Beispiel
anhand eines Dateizugriffs auf eine geographisch entfernte Datei diskutiert
werden. In der ISO-OSI-Anwendungsschicht wird hierfür das Dienstelement
FTAM angeboten. Zur Vereinfachung beschränken wir uns auf eine Teilmenge
des Dienstes und nehmen an, daß sowohl die Daten als auch die Dateibeschreibung
in einem netzeinheitlichen Format vorliegen.
Da das Dienstelement FTAM auf der Basis von ACSE und wahlweise auch CCR
realisiert wird, bestehen die aktiven Elemente der Anwendungsschicht,
auch Anwendungsinstanzen genannt, aus mehreren Dienstelementen
(Abb. 1). Wie in den übrigen Schichten des ISO-OSI-Referenzmodells
erbringen diese Instanzen gemeinsam den schichtspezifischen Dienst. Hierzu
tauschen sie gemäß einem schichtspezifischen Protokoll die
für die Kommunikation erforderlichen Informationen über sogenannte
Protokolldateneinheiten (protocol data units) aus. Im Unterschied
zu den übrigen Schichten des ISO-OSI-Referenzmodells wird das zwischen
zwei Anwendungsinstanzen festgelegte Anwendungsprotokoll (application
protocol) durch die Protokolle der jeweils verwendeten Dienstelemente
bestimmt.
|