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Informatik-Lexikon
Objektrelationale Datenbanksysteme
Objektorientierter Datenbankentwurf
Ontologie(n)
Organic Computing
Organizational Memory
OSF Distributed Computing Environment
Ontologie(n)
Kurzinfo Ontologie
ist ein überlieferter Begriff aus der Philosophie und steht dort
für die Lehre vom Sein - genauer: von den Möglichkeiten und
Bedingungen des Seienden -, ist also eng verwandt mit der Erkenntnistheorie,
die sich mit den Möglichkeiten und Grenzen menschlichen Wahrnehmens
und Erkennens auseinander setzt.
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Erläuterung
In der Informatik steht man in vielen Bereichen vor der Aufgabe, Erkanntes
oder Erdachtes zu repräsentieren und Wissen zu kommunizieren, z.B.
über Fakten, Sachverhalte oder Regeln in einem technischen Anwendungsbereich,
in einem Geschäftsprozess oder in einem juristischen Verfahren oder
über die Inhalte von Dokumenten oder Webseiten.
Menschen Können sich gespeichertes Wissen zunutze machen, indem
sie auf ihr Grund- und Kontextwissen des jeweiligen Wissensbereichs zurückgreifen,
Lehrbücher, Regelwerke, Lexika und Schlagwortregister verwenden und
mit den gespeicherten Inhalten verbinden. Sollen dagegen Automaten Such-,
Kommunikations- und Entscheidungsaufgaben in Bezug auf das gespeicherte
Wissen übernehmen oder Daten austauschen, die selbst Information
darüber enthalten, wie sie zu strukturieren und zu interpretieren
sind (sog. Metadaten), so benötigen sie dazu eine Repräsentation
der zugrunde liegenden Begriffe und derer Zusammenhänge. Dafür
hat sich in einigen Zweigen der Informatik in den letzten Jahren der Begriff
Ontologie eingebürgert.
Der wohl bekannteste Definitionsversuch stammt von T. Gruber. Dieser
bezeichnet Ontologie als explizite formale Spezifikation einer gemeinsamen
Konzeptualisierung" (orig.: "shared conceptualization").
In diesem Sinne beschreibt eine Ontologie also einen Wissensbereich
(knowledge domain) mit Hilfe einer standardisierenden Terminologie sowie
Beziehungen und ggf. Ableitungsregeln zwischen den dort definierten Begriffen.
Das gemeinsame Vokabular ist in der Regel in Form einer Taxonomie gegeben,
die als Ausgangselemente (modelling primitives) Klassen, Relationen,
Funktionen und Axiome enthält. Da es viele Wissensbereiche - mit
einer jeweils eigenen oder sogar mehreren konkurrierenden Terminologien
- gibt, macht hier (im Gegensatz zur Philosophie) auch der Gebrauch des
Plurals (Ontologien") Sinn.
Neben der Zuordnung zu Anwendungsbereichen kann man Ontologien auch
nach ihrem Umfang klassifizieren. So unterscheidet Ron Weber (in Anlehnung
an Guarini [5]) drei Stufen von Ontologien: (1)allgemeine,
Bereichsübergreifende, "top level ontologies", (2)
auf bestimmte Anwendungsbereiche bezogene "domain ontologies",
(3) bekannte konzeptuelle Daten- und Klassenmodelle, die lediglich mit
dem modischen Namen "Ontologie" aufgewertet werden sollen. Im
folgenden sollen nur die Stufen (1)und (2)betrachtet werden.
Wozu werden Ontologien in der Informatik verwendet? Gruninger und Lee
[4] unterscheiden drei Anwendungsfelder: Kommunikation,
automatisches Schließen und Repräsentation sowie
Wiederverwendung von Wissen. Sollen zwei Programme (z.B. Web-Suchmaschinen
oder Software-Agenten)miteinander kommunizieren, so müssen sie entweder
selbst die Interpretationsvorschrift für die Daten in sich tragen
(sind also datenabhängig), oder aber sie liefern diese in Form von
Metadaten aus einer beiden Seiten zugänglichen Ontologie mit. - Beim
automatischen Schließen können Programme logische Schlüsse
schon aufgrund der per Ontologie bekannten Ableitungsregeln ziehen - diese
müssen also nicht stets von Neuem übermittelt werden. Ähnlich ist es bei
der Wissensrepräsentation und -wiederverwendung (vgl. dazu die ausführliche
Darstellung von Staab [12]).
Ontologien sind also in allen mit Wissen befassten Bereichen der Informatik
von Bedeutung - wie etwa künstliche Intelligenz, Datenbanken und
Informationssysteme (im weitesten Sinne, einschließlich des globalen
Informationssystems WWW). Dazu kommen angrenzende Bereiche wie Softwaretechnik
und Multimedia-Kommunikation sowie Anwendungsgebiete wie z.B. Medizin,
Rechtswesen und Wirtschaftsinformatik.
An den Ontologiebegriff knüpfen sich Zusammensetzungen wie z.B.
Ontologie-Entwurf ("ontology design") und Ontologie-Technik
("ontological engineering"). Beide Begriffe machen selbstverständlich
nur beim Begriffsverständnis der Informatiker Sinn - in philosophischer
Deutung könnten dies höchstens angenommene Vorgehensweisen eines
Demiurgen, also eines metaphysischen höheren Wesens sein. Ontological
Engineering umfasst - analog zum Software-Engineering - alles, was zur
Unterstützung des Ontologie-Lebenszyklus dienen kann [4].
Ein Ontologie-Entwurf kann grundsätzlich durch einen induktiven
Ansatz (Bildung größerer Ontologien aus mehreren kleinen "leichtgewichtigen"
durch Verbindung - "merging") oder durch einen deduktiven
Ansatz (Festlegung allgemeiner Konzepte und Regeln durch ein Gremium oder
Konsortium, Überprüfung, Standardisierung und anschließende
Spezialisierung für Teilbereiche) geschehen [8].
Der Wert einer Ontologie steht und fällt mit dem Umfang der Anerkennung
und Zustimmung ("ontological commitment"), die diese in der
betreffenden Fachwelt erfahrt. Im Allgemeinen ist diese Zustimmung umso
leichter zu erreichen, je mehr Entscheidungsträger und Betroffene
am Entwurfsprozess beteiligt sind. Andererseits steigt der Aufwand in
der Regel mit der Zahl der am Entwurf beteiligten Personen.
Besonderes, weltweites Interesse finden Ontologien in jüngster
Zeit aufgrund der Semantic-Web-Initiative des WWW-Schöpfers Tim Berners-Lee
und seiner Kollegen [1]. Sie beruht auf der Grundidee,
Web-Dokumente (jeglicher Größenordnung) mit "Semantik"
in Form von Metadaten ("tags") zu versehen, die ihren
Inhalt näher beschreiben, und diese durch Ableitungsregeln ("inference
rules") miteinander zu verknüpfen. Damit sollen Suchmaschinen
und andere elektronische Mechanismen wie Agenten unterstützt werden,
benötigte Informationen gezielt und effizient zu finden und miteinander
zu verbinden. Ontologien dienen dazu, die dafür benötigten Grundlagen
an Metadaten und Verknüpfungsregeln zu liefern. Das bedeutet, dass
sich z.B. zwei Agenten über ihre Aufgaben und Ergebnisse mit Hilfe
einer beiden verfügbaren Ontologie verständigen können.
Für die Entwicklung und Prüfung von Ontologien sind in den
letzten Jahren eine Reihe von Sprachen, Methoden und Werkzeugen entstanden
bzw. verfügbar gemacht worden. Im Zusammenhang mit dem Semantik Webansatz
sind hier vor allem XML (Extensible Markup Language) und RDF (Resource
Description Framework) zu nennen: XML für die Annotierung und Strukturbeschreibung
von Daten und Dokumenten, RDF für die Möglichkeit, Ressourcen
durch Eigenschaften zu beschreiben und diesen Werte - darunter auch Verweise
auf andere Ressourcen - zuzuordnen. Dieser Ansatz fußt auf der bekannten
Grundidee, semantische Netze als Graphen aufzufassen.
Die Mächtigkeit dieser Sprachmittel und die Lesbarkeit von Dokumenten
lässt sich durch den Einsatz von Schemadefinitionen (XML
Schema Definition XSD, und RDF Schema RDFS) beträchtlich
steigern.
Daneben hat die US-Behörde DARPA DAML (DARPA Agent Markup Language)
als Agenten-Verständigungssprache - "an Esperanto for machines"
definiert. Diese wurde im Hinblick auf Ontologien mit OIL (ursprünglich:
Ontology Inference Layer, neuerdings: Ontology Interchange Language )
zu DAML+OIL kombiniert und wird vom WWW-Konsortium als Standard
für die Repräsentation von Metadaten und Ontologien vorgeschlagen.
Dieser Ansatz beruht auf den von der KI her bekannten Frames
sowie auf Description Logics zur Beschreibung von Semantik und
logischen Verknüpfungen. (Für nähere Hinweise dazu und
zu Werkzeugen wie Ontologie-Editoren und Entwicklungsumgebungen vgl. [12].)
Ontologien sind bereits für verschiedene Wissensgebiete entwickelt
worden, so z.B. für Entscheidungsunterstützungssysteme (Decision
Support Systems, DSS; vgl.dazu [8]) oder für
das Wissensmanagement (vgl. [12]). Im kommerziellen
Bereich spielen sie - z.B. als Grundlage für E-Business-Systeme -
bereits eine wichtige Rolle. Für den Bereich der Informationssysteme hat
die IFIP-Arbeitsgruppe FRISCO (Framework of Information System Concepts)
ein umfassendes konzeptuelles Rahmenwerk vorgeschlagen, das auch als allgemeine
Basis für weitere, spezialisierte Ontologien dienen konnte [2].
Einen damit verwandten Ansatz haben Y. Wand und R. Weber entwickelt [13].
In der Softwaretechnik gewinnen Ontologien zz. in zweierlei Hinsicht
an Bedeutung:
- Ontologien als Hilfsmittel und Wissensfundus bei der Software-Entwicklung.
Will man die Idee von Web-Services, d.h. im Web verteilten, wieder-
und weiterverwendbaren Anwendungssystemen oder -komponenten verwirklichen,
so müssen diese auf einem von allen potenziellen Benutzern getragenen
gemeinsamen Struktur- und Begriffsverständnis des betreffenden
Anwendungsgebiets beruhen.
Ontologien können hier dabei helfen, den Anteil an wiederverwendbaren
Ergebnissen (z.B. Konzepten oder Modellen) in den sog. Frühen "Phasen"
deutlich zu erhöhen.
- Softwaretechnik als Gegenstand einer Ontologie, d.h. als standardisiert
zu beschreibendes Wissensgebiet. Für eine solche Software Engineering
Ontology hat die SWEBoK-Initiative (Software Engineering Body of Knowledge)
wertvolle Vorarbeit geleistet. In diesem Zusammenhang sind auch deutschsprachige
Arbeiten an einem "Begriffsnetz" für die Softwaretechnik
zu nennen [3, 10].
Die wichtigsten noch ungelösten Probleme mit Ontologien betreffen
aus heutiger Sicht die folgenden Punkte:
- Wie lassen sich gut verwertbare Metadaten für sehr große
Ressourcenbestände erzeugen und konsistent weiterentwickeln? Lässt
sich das Annotieren von Dokumenten sinnvoll automatisieren?
- Können Ressourcen klar und eindeutig klassifiziert werden, z.B.
in Dokumente, Daten, Metadaten, physische und virtuelle Aktoren (actors),
physische Einheiten?
- Wie lassen sich Metadaten in (möglicherweise überlappende
und inkonsistente) Ontologien einordnen? Wie werden Synonyme, Homonyme
und zirkuläre Definitionen behandelt?
- Macht es Sinn, nach einer gemeinsamen, allen Ontologien unterliegenden
Top-level-, Universal- oder Meta-Ontologie zu suchen - oder führt
dies zu ähnlichen Schwierigkeiten wie die Suche nach einem objektiven
Weltbild in der Physik?
Nicht zuletzt stellt sich die Frage nach einer philosophischen Fundierung
eines (informatischen) Ontologiebegriffs. Für Philosophen ist die
Antwort auf die ontologische Grundfrage "Was ist?" keineswegs
so trivial, wie es zunächst scheinen mag, da
- unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit durch unsere Wahrnehmungsorgane
gefiltert wird, wir also keineswegs sicher sein können, dass die
Welt so beschaffen ist, wie wir sie wahrnehmen;
- die Beantwortung zwangsläufig mit sprachlichen Mitteln erfolgen
muss, wir uns also bei der Beschreibung des Wahrgenommenen möglicherweise
nochmals durch die Wahl unserer Begriffe, Worte und Bilder vom eigentlich
"Seienden" entfernen.
Die sog. traditionelle Ontologie war von alters her dem Gebiet der Metaphysik
zugeordnet. Wahrend sich die Physik mit der Existenz der (materiellen)
Dinge, deren Bewegungen und der natürlichen Notwendigkeit der Materie
(res concretae) befasst, sind es bei der Metaphysik die Grunde
der Dinge und der dahinter stehenden Ideen (res abstractae).
Schon Kant beurteilte die traditionelle Ontologie als .anmaßend"
und ersetzt die (doktrinäre) Annahme "gegebener" Objekte
durch eine Transzendentalphilosophie, die "die Bedingungen und ersten
Elemente aller unserer Erkenntnis a priori enthält" ([10],
S.1194) und damit die Erkenntnis als Filter für das "Seiende"
einsetzt.
Im 20.Jahrhundert gibt es Versuche zu einer logisch präzisen Fassung,
z.B. bei E. Husserl als formale Ontologie mit Mitteln der "reinen
Logik". Husserl unterscheidet explizit zwischen dem (materialen,
in der Natur verankerten) Ding schlechthin und dessen Sinn, dem keine
"realen Eigenschaften" zugeordnet werden können. Die Analyse
von Wahrnehmungen und Erlebnissen im Hinblick auf ihren Sinn fuhrt zur
Erkenntnis verschiedener "Seinsregionen" und damit zu - jetzt
im Plural auftretenden (!) materialen bzw.regionalen Ontologien.
Modernere Ansätze laufen darauf hinaus, der Ontologie ihren metaphysischen
Charakter zu nehmen. So ruckt in der analytischen Philosophie der sprachliche
Gesichtspunkt ins Zentrum: Eine Ontologie ist sprecherbezogen und gibt
dem Hörer oder Leser die Existenzvoraussetzungen an, an die er sich
durch das Akzeptieren einer Sprache oder Theorie bindet ([10],
S.1199). Eine radikal formalistische Ausprägung dieses Ansatzes formuliert
W. van O. Quine: "To be is to be the value of a bound variable"
((zit.n.[11])
Hier kommen sich zu guter Letzt Philosophie und Informatik doch noch
nahe: Ontologie wird nicht mehr als metaphysische Deutung des Wesens aller
Dinge, sondern als praxisgeleitete sprachliche Kategorisierung von Lebens-
und Wissensbereichen verstanden. In diesem Sinne sollte es - trotz der
damit verbundenen und von P. Janich mit Recht aufgezeigten Gefahren von
Mißverständnissen [9] - auch Informatikern
erlaubt und für sie möglicherweise sogar nützlich sein,
sich mit Ontologie(n)zu beschäftigen [6].
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Literatur
- Berners-Lee, T., Hendler, J., Lassila, O.:
The Semantic Web. Scientific American, www.scientificamerican.com/2001/0501issue/0501berners-lee.html
(Mai 2001)
- Falkenberg, E. D., Hesse, W., Lindgreen, P.,
et al.: FRISCO - A framework of information system concepts. The FRISCO
Report. IFIP WG 8.1 Task Group FRISCO (Web version: 1998)
- GI-Arbeitskreise "Terminologie der Softwaretechnik"
und "Begriffe für Vorgehensmodelle": Informatik-Begriffsnetz. http://www.tfh-berlin.de/~giak/
(Stand v. 01.06.2002)
- Gruninger, M., Lee, J.: Ontology - applications
and design. Comm. ACM 45(2), 39-41 (2002)
- N. Guarino: Formal Ontology and Information
Systems. In: Proc. FOIS'98, Trento (Italy), June 1998, pp 3-15. IOS
Press, Amsterdam 1998
- Hesse, W., v. Braun, H.: Wo kommen die Objekte
her? Ontologisch-erkenntnistheoretische Zugänge zum Objektbegriff. In:
Bauknecht, K., et al. (eds.): Informatik 2001 . Tagungsband der GI/OCG-Jahrestagung,
Bd. II, S. 776-781. Österr. Computer-Gesellschaft 2001
- Hesse, W., Barkow, G., v. Braun, H., Kittlaus,
H. B., Scheschonk, G.: Terminologie der Softwaretechnik . Ein Begriffssystem
für die Analyse und Modellierung von Anwendungssystemen. Informatik
Spektrum 17(1), 39-47, und 17(2), 96-105 (1994)
- Holsapple, C. W., Joshi, K. D.: A collaborative
approach to ontology design. Comm. ACM 45(2), 42-47 (2002)
- Janich, P.: Wozu Ontologie für Informatiker?
Objektbezug durch Sprachkritik. In: Bauknecht, K., et al. (eds.): Informatik
2001 - Tagungsband der GI/OCG-Jahrestagung, Bd. II, S. 765-769. Österr.
Computer-Gesellschaft 2001
- Ritter, J., Gründer, K.: Historisches Wörterbuch
der Philosophie, Bd. 6. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft
1998
- Schefe, P.: Softwaretechnik und Erkenntnistheorie.
Informatik Spektrum 22(2), 122-135 (1999)
- Staab, S.: Wissensmanagement mit Ontologien
und Metadaten. Informatik Spektrum 25(3), 194-209 (2002)
- Wand, Y., Weber, R.: An ontological model of
an information system. IEEE Transact. on Software Eng. 16(11), 1282-1292
(1990)
Hinweis: Die URLs entsprechen dem Stand bei der Veröffentlichung
des Artikels und werden nicht aktualisiert.
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Autor & Copyright
Wolfgang Hesse
FB Mathematik und Informatik,
Philipps-Universität Marburg
© 2002 Informatik Spektrum, Springer-Verlag Berlin Heidelberg
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Organic Computing
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Kurzinfo Eine
der folgenträchtigsten Entwicklungen der Informatik ist ihr Zusammenspiel
mit der Biologie. Einerseits wären z.B. die Kartographierung des
menschlichen Erbguts oder die Aufklärung der räumlichen Proteinstrukturen
ohne Informatikmethoden unmöglich, andererseits gewinnt die Nutzung
biologischer Prinzipien in der Informatik zusehends an Bedeutung. Künftige
komplexe computerisierte Systeme werden lebensähnlich oder
organisch". Dafür müssen die von der Natur verwendeten
Organisationsprinzipien genauer erforscht und in Informatiksystemen nutzbar
gemacht werden.
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Erläuterung
Beherrschung der Komplexität
Technische Systeme werden immer komplexer. Dies ist eine Folge der weiterhin
ungebrochenen Entwicklung der Mikroelektronik. Hinzu kommt in den letzten
Jahren eine verstärkte Einbettung großer Hardware- und Software-Komplexe
in technische Systeme wie Flugzeuge, Fahrzeuge, Telekommunikationsnetze
und Fabrikationsanlagen. Hier liegt ein Großteil des Entwicklungs-
und Differenzierungspotenzials insbesondere deutscher Produkte. Die schmerzhafte
Erfahrung der Hersteller zeigt jedoch bereits heute, dass diese Systeme
nur mehr schwer zu beherrschen sind. Eine Extrapolation auf künftige
insbesondere sicherheitskritische und noch stärker vernetzte Systeme
macht deutlich, dass wir nach neuen Organisationsprinzipien Ausschau halten
müssen.
Das Verhalten technischer Systeme steht im Gegensatz zu dem von Lebewesen,
die unter den unterschiedlichsten Bedingungen adäquat funktionieren
und sich auch wechselnden Bedingungen flexibel anpassen können. Sie
sind zu solchen Leistungen auf allen Organisationsebenen (Moleküle,
Zellen, Organismen, Gesellschaften) in der Lage. Daher muss es nützliche,
robuste und (hoffentlich) relativ einfache allgemeine Strategien dafür
geben. Es liegt nahe, Erkenntnisse über die Funktionsweise lebender
Systeme für die Entwicklung von künstlichen nutzbar zu machen.
Computersysteme, die diesen Anforderungen genügen, nennen wir organisch".
Ein organischer Computer" (OC) ist definiert als ein selbst-organisierendes
System, das sich den jeweiligen Umgebungsbedürfnissen dynamisch anpasst.
Organische Computersysteme haben sog. Self-x-Eigenschaften":
Sie sind selbst-konfigurierend, selbst-optimierend, selbst-heilend, selbst-erklärend
und selbst-schützend.
Die Vorteile liegen auf der Hand: Organische Computersysteme
verhalten sich eher wie intelligente Assistenten als starre Befehlsempfänger.
Sie sind flexibel, robust gegenüber (Teil)ausfällen und in der
Lage, sich selbst zu optimieren. Der Entwurfsaufwand sinkt, da nicht jede
Variante im Voraus programmiert werden muss.
Dem stehen jedoch potenziell gravierende Nachteile gegenüber.
Lernende Systeme können Fehler machen, die in technischen, insbesondere
sicherheitskritischen Anwendungen aber nicht toleriert werden können.
Lernen bedeutet zunächst unproduktiven Aufwand; dies kann zu langen
Trainings- und Umkonfigurationszeiten, somit zu langen Reaktionszeiten
führen. Schließlich eröffnet die Adaptivität eines
Systems auch neue Möglichkeiten für gezielt unerlaubte Beeinflussungen.
Organisationsmuster komplexer Systeme
Systemeigenschaften wurden anhand von natürlichen Systemen (z.B.
dissipativen Strukturen [12], autokatalytischen
Zyklen [2], Ameisenstaaten) untersucht. Der Natur
nachempfundene und im Rechner nachgebildete Systeme werden in der Artificial-Life-Forschung"
untersucht. Systeme, welche aus großen Populationen autonomer Komponenten
bestehen, durch evolutive Mechanismen lernen, einen rein lokalen sensorischen
Kontext besitzen und massiv miteinander vernetzt sind, scheinen spontan
die Fähigkeit zur Selbstorganisation und damit zur Höherentwicklung
(im Sinne von emergenten Ordnungsstrukturen) zu besitzen.
Emergenz ist dabei als die Eigenschaft eines Gesamtsystems definiert,
welches nicht durch einfache Summation von Teileigenschaften errechnet
werden kann. Emergente Phänomene sind charakterisiert durch
- die Interaktion meist großer Zahlen von Individuen
- ohne zentrale Kontrolle
- mit dem Ergebnis der Bildung kohärenter Muster, welche nicht
explizit vorprogrammiert wurden (http://www.beart.org.uk/Emergent/).
Ein Beispiel für eine einfache emergente Eigenschaft ist die Resonanzfrequenz
eines Schwingkreises: Sie ist weder in der Spule noch im Kondensator allein
zu finden sondern entsteht aus deren Zusammenwirken. Eine weitere für
lebende Systeme charakteristische Eigenschaft ist die Autopoiese
[6], die Fähigkeit eines Systems sich selbst
zu machen", zu erhalten und somit zu leben. Eine zentrale Rolle für
das Verhalten komplexer Systeme dürfte auch die Chaostheorie [11]
spielen. Sie vermag die relative Stabilität lebender Systeme gegenüber
Umwelteinflüssen zumindest qualitativ zu erklären. Erst äußere
Ereignisse, welche gewisse Toleranzschwellen überschreiten (system
events"), können das System über instabile Zwischenstufen
zu neuartigen dynamischen Zuständen (Attraktoren) führen.
Insbesondere für das Gehirn scheint die Beschreibung als selbstorganisierendes
dynamisches System angemessen zu sein (von der Malsburg, in [1],
S. 1002ff).
Ähnliche Ansätze und Abgrenzung
Organic Computing ist nicht der erste Versuch, die Natur als Vorbild
für technische Systeme zu nutzen. Zelluläre Automaten realisieren
das Prinzip der strikten Lokalität und zeigen, wie hieraus globale
Muster entstehen (z.B. [9]). Pionierarbeit auf
dem Gebiet der biologisch inspirierten Optimierung haben Rechenberg (evolutionäre
Algorithmen) und Goldberg (genetische Algorithmen) geleistet. Als weitere
höchst fruchtbare Forschungszweige sind hier die künstlichen
neuronalen Netze und die genetische Programmierung (Bibliographie in http://www.genetic-programming.org)
zu nennen.
Noch näher an der Biologie ist die Artificial-Life-Forschung (s.
z.B. [5] und http://www.calresco.org/)
anzusiedeln. Ihr Ziel ist die Untersuchung künstlicher, weil im Computer
angesiedelter, lebensähnlicher Prozesse. Es geht um die Frage Was
ist Leben?" oder Wie könnten alternative Lebensformen
aussehen?". Leider hat sich die Artificial-Life-Forschung in Bezug
auf die technische Nutzung ihrer Ergebnisse nicht hinreichend engagiert.
Evolutive und genetische Algorithmen, Simulated Annealing, künstliche
neuronale Netze (Techniken, die auch unter dem Begriff Soft Computing
bekannt sind), die Bionik sowie die Robotik versuchen jeweils spezielle
Mechanismen der Natur zu simulieren und zu nutzen. Das von IBM als unternehmensweites
Leitprojekt propagierte Autonomic Computing [4]
verfolgt ähnliche Ziele wie OC, ist aber in seinem Anwendungsbereich
vorerst auf die Selbstorganisation von Rechenzentren und Netzen ausgerichtet.
Der Bereich der eingebetteten Prozessoren, welche unsere Alltagsumgebung
intelligent" machen sollen, wird im derzeit sehr aktiven Forschungsgebiet
des Ubiquitous Computing (z.B. [7, 14])
untersucht.
Organische Computersysteme sind inspiriert von Ideen aus der Biologie.
Aber sie basieren (bis auf weiteres) auf herkömmlicher Siliziumtechnologie.
Ihre lebensähnlichen Eigenschaften wirken sich auf der Ebene des
Gesamtsystems und beim Aufbau und Zusammenspiel ihrer Komponenten aus.
Wir meinen mit dem Begriff organische Computersysteme" weder
DNA-basierte Rechner noch Recheneinheiten auf der Basis von Neurocomputern
– obwohl solche Technologien sehr wohl längerfristig ins Bild passen.
Erste Beispiele
- Das Internet stellt eine der komplexesten technischen Strukturen
dar. Es wurde jedoch nicht im Detail geplant. Trotzdem sind, wie im
Rahmen der Small-world-Hypothese" (http://smallworld.columbia.edu/)
gezeigt wird, Ordnungsstrukturen entstanden, welche Ähnlichkeiten
mit denen des Gehirns aufweisen.
- Ein instruktives Beispiel für ein Problem, das erfolgreich mittels
OC bearbeitet wurde, ist die automatische Gesichtserkennung (Würtz
in [1], S. 434ff). Biologisch inspirierte
Bildverarbeitung zusammen mit Selbstorganisation, elastischem Graphmatching
und dem Datenformat der Bündelgraphen hat zur Entwicklung eines
leistungsfähigen Gesamtsystems geführt, das die Basis eines
der erfolgreichsten kommerziellen Gesichtserkennungssysteme bildet (z.B.
http://www.frvt.org).
Diese Technik ist direkt von einem auf selbstorganisierenden neuronalen
Netzen basierenden Modell der Hirnfunktion abgeleitet (von der Malsburg
in [1], S. 365ff). In diesem Beispiel hat die
konsequent am Lernen von der Natur ausgerichtete Entwurfsmethodik direkt
zu einem technischen Durchbruch geführt.
- Ein wesentliches Problem bei der Entwicklung autonomer Systeme ist
die adaptive Merkmalsfusion. Z.B. sind für das Verfolgen von Personen
durch eine Videosequenz verschiedene Merkmale nützlich wie Hautfarbe,
Form oder kohärente Bewegung. Die Technik der demokratischen
Integration" [13] stellt eine selbstorganisierte
zeitlich veränderliche Gewichtung der einzelnen Merkmale zur Verfügung
und erreicht eine deutlich robustere Verfolgungsmethode, die auch mit
relativ schnellen Änderungen in der Umwelt umgehen kann.
Entwurf und Modellierung
Es geht im Forschungsgebiet Organic Computing zunächst darum, die
natürlichen Phänomene besser und vor allem quantitativ zu verstehen,
welche zu Emergenz, Selbstorganisation und autonomem Verhalten führen.
Darüber hinaus muss das Ziel aber in einer ingenieurtechnischen Beherrschung
solcher Systeme liegen.
Der herkömmliche Entwurfsprozess ist streng hierarchisch und von
oben nach unten organisiert (Top-down-Entwurf). Er besteht aus einer Reihe
von Modellierungen, beginnend mit einer abstrakten Spezifikation, die
über mehrere Ebenen immer weiter verfeinerter Struktur- und Verhaltensbeschreibungen
schließlich zu einem Modell führt, das direkt die Fertigung
steuert. Die dieser Entwurfsmethodik zugrunde liegende Denkweise ist die
möglichst vollständige Umsetzung der Spezifikation in Detailentwürfe
somit also eine vollständige Kontrolle des Verhaltens des
resultierenden technischen Systems. Vom Entwickler wird damit erwartet,
dass er alle denkbaren Systemzustände vorausgedacht hat.
Mit der Zulassung emergenter oder selbst-organisierender (Teil)systeme
wird dieser strikte Topdown-Prozess verlassen. Wir wollen dabei ja gerade
erreichen, dass das Zielsystem in gewissen Grenzen ein Verhalten zeigt,
welches der Entwickler nicht vorgedacht hat. Hier liegt aber ein fundamentaler
Widerspruch zwischen Top-down-Kontrolle und kreativem Bottom-up-Verhalten
verborgen. Es ist heute noch nicht klar, wie diese beiden gegenläufigen
Tendenzen miteinander vereinbart werden können. Ansätze liegen
in Verfahren der Constraint Propagation, dem Einsatz von Assertions [8,
10] und sog. Observer/Controller-Architekturen.
Observer/Controller-Architekturen nehmen Anleihen beim makroskopischen
Aufbau des Gehirns vor. Hier existieren neben den direkten Reizreaktionsmechanismen
zwischengeschaltete Überwachungsapparate, welche den sensorischen
Input filtern und die vom bewussten Gehirn vorgeschlagenen Aktionen einer
Bewertung unterziehen. Diese Funktion wird vom limbischen System ausgeführt,
welches dem bewussten und logischen Denken die emotionale Färbung
aufprägt. Die technische Basis für autonome Controller/Observer
ist in einzelnen der heute in Entwicklung befindlichen eingebetteten Prozessoren
bereits vorgesehen.
Forschungsziele
Trotz vieler interessanter Forschungsansätze sind zentrale Fragen
des OC ungelöst und bedürfen einer übergreifenden Analyse
und Kooperation. Es werden drei große Teilgebiete gesehen, welche
weitgehend parallel zu bearbeiten sind (Abb. 1). Es sind dies:
- Verständnis der Prinzipien der Selbstorganisation natürlicher
Systeme,
- Umsetzung dieser Prinzipien in technisch nutzbare Verfahren und Werkzeuge,
- Praktische Nutzung in technischen Anwendungen.
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Abb. 1 Die drei Hauptarbeitsgebiete des OC
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Das Studium der OC-Prinzipien kann an Hand von natürlichen aber
auch von simulierten selbstorganisierenden Systemen erfolgen. Zu untersuchende
Phänomene sind die Emergenz und Selbstorganisation, die Möglichkeit
eines begrenzten Bewusstseins, die optimale Gewichtung zwischen konkurrierendem
und kooperativem Verhalten sowie die Grenzen des Determinismus in emergenten
Systemen.
Aus diesem grundlegenden Verständnis abzuleiten sind Verfahren
und Werkzeuge (im Sinne eines OC-Werkzeugkastens), welche die Elemente
technischer Anwendungssysteme bilden können.
Die technischen Anwendungen im Bereich der Fahrzeugtechnik, der Telekommunikation
oder der Smart Environments (Büro, Home) bilden das Ziel der Arbeiten
und dienen ihrer Fokussierung. Insbesondere sollen auf diesen Gebieten
auch bereits kurzfristig einsetzbare Teillösungen vorliegen.
Zu den besonders dringlichen Forschungsthemen gehören die Folgenden.
Theorie. Ein grundlegendes theoretisches Verständnis des
Verhaltens komplexer Systeme, seien sie biologisch oder technisch, fehlt
weitgehend. Hierzu gehören auch Metriken zur quantitativen Beurteilung
von Selbstorganisations- und Emergenzphänomenen.
Zielgerichtete Prozesse. OC soll über die bisherigen Ansätze
hinausgehen, indem nicht die Entwicklung statischer Strukturen studiert
wird, sondern die Organisation zielgerichteter Prozesse. Die Theorie der
Selbstorganisation (z.B. [3]) behandelt die Konvergenz
einfacher Systeme zu statischen Formen; die Algorithmik beschäftigt
sich mit Verfahren, die aus einem gegebenen Input in akzeptabler Zeit
einen gewünschten (statischen) Output berechnen. Was Not tut ist
das Studium einer Vielzahl von Prozessen, die sich gegenseitig beeinflussen
und auf eine ständig variable Umwelt angemessen reagieren. Hierfür
ist derzeit keine Theorie in Sicht.
System-Architekturen. Es ist unrealistisch anzunehmen, dass sich
ein komplexes technisches System (z.B. die 100 Controller in einem KFZ)
spontan und sinnvoll selbst organisiert. Anzustreben ist vielmehr eine
evolutive und schrittweise Öffnung und Parametrisierung bestehender
Systeme sowie ihre Kontrolle durch höhere Systemkomponenten. Hierzu
sind mehrschichtige Observer/Controller-Architekturen zu entwickeln.
Sicherheit und laterale Beschränkung. Lernende und selbstorganisierende
Systeme besitzen per definitionem die Möglichkeit zur Weiterentwicklung
in vom Entwickler nicht explizit vorgeplante Richtungen. Bei ihrem Einsatz
in technischen, häufig sicherheitskritischen Systemen müssen
Fehlentwicklungen verhindert werden. Der (kreative) Versuch einer lernenden
Ampelsteuerung, alle 4 Ampeln auf Grün zu schalten, darf nicht umgesetzt
werden!
Embedded Learning und Einbeziehung von A-priori-Wissen. Lernalgorithmen
sind i.a. zeitaufwändig und benötigen beträchtliche Rechenressourcen.
Diese stehen in eingebetteten hochgradig verteilten Systemen i. d. R.
nicht zur Verfügung. Während das Lernverhalten ab initio"
wissenschaftlich interessant ist, muss in technischen Anwendungen auf
Effizienz geachtet werden. Daher ist eine Verwendung von A-priori-Wissen
in Form von vom Entwickler vorgegebenen Regeln vorteilhaft, damit das
Lernverfahren schneller konvergiert.
Flexible Interaktion mit der Umwelt. Die Wahrnehmungsfähigkeit
künstlicher Systeme muss drastisch verbessert werden, um zu brauchbarer
Autonomie und natürlicher Benutzerinteraktion zu kommen.
Selbsterklärung. Ein für ein selbstorganisierendes
System verantwortlicher Entwickler muss Einblick und Kontrollmöglichkeiten
behalten. Die Systeme sollten daher selbst-erklärend sein (eine Eigenschaft,
die z.B. ein künstliches neuronales Netz nicht hat).
Ausblick
Organic Computing ist keine etablierte Technologie, sondern ein aktuelles,
im Entstehen begriffenes interdisziplinäres Forschungsfeld, das erste
Erfolge vorweisen kann. Das gezielte Zusammenführen von Grundlagenarbeiten
aus dem Bereich der Biologie und der Neuroinformatik mit Methoden der
praktischen und technischen Informatik sowie die verstärkte Ausrichtung
auf die industrielle Anwendbarkeit lassen bereits in naher Zukunft interessante
Ergebnisse erwarten. Langfristig bietet Organic Computing die Chance,
die bereits heute sichtbar werdenden Probleme der Beherrschung komplexer
technischer Systeme besser in den Griff zu bekommen. Darüber hinaus
besteht begründete Hoffnung, auch ein vertieftes Verständnis
und Lösungsansätze für Organisationsprobleme in den Neurowissenschaften
und der Molekularbiologie zu finden.
Es ist nicht die Frage, ob adaptive und selbstorganisierende Systeme
entstehen erste Ansätze sind vielfach zu beobachten
sondern wie wir sie gestalten. Dem Albtraum eines autonomen Systems, das
seinen eigenen Willen" durchsetzt, steht die Vision von freundlichen
Systemen gegenüber, welche nicht bedient werden sondern dem Menschen
dienen
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Literatur
- Arbib M. A.: Handbook of Brain Theory and Neural
Networks, 2.Auflage. MIT Press, 2002.
- Eigen M., Schuster P.: The Hypercycle: a principle
of natural self-organization. Berlin, Heidelberg, New York: Springer
1979
- Jetschke G.:Mathematik der Selbstorganisation.
Frankfurt am Main: Harri Deutsch 1989
- Kephart J., Chess D.: The Vision of autonomic
computing. Computer Magazine, IEEE, 2003
- Langton C. G.: Artificial life. In: Langton
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- Maturana H. R.,Varela F. J.: Autopoiesis and
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- Mattern F.:Ubiquitous computing: Szenarien
einer informatisierten Welt. In: Zerdick A., Picot A., Schrape K., Burgelman
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Media – Kommunikation und Medienwirtschaft der Zukunft. (S. 155–174)
Berlin, Heidelberg New York Tokio: Springer 2004
- Meyer B.:Object-oriented software construction,
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- Neumann von J. et al.:Theory and organization
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- Ott E.: Chaos in dynamical systems. Cambridge:
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- Prigogine I., Kondepudi D.:Modern thermodynamics:
From heat engines to dissipative structures. Chichester: John Wiley
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- Triesch J.,Malsburg C. von der:Democratic integration:
Self-organized integration of adaptive cues. Neural Computation 13(9),
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- Weiser M.:The computer for the 21st century.
Scientific American 265(3), 94–104 (September 1991)
Hinweis: Die URLs entsprechen dem Stand bei der Veröffentlichung
des Artikels und werden nicht aktualisiert.
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Autor & Copyright
Christian Müller-Schloer
Universität Hannover,
Appelstr. 4, 30167
cms@sra.uni-hannover.de
Christoph von der Malsburg
Rolf P. Würtz
DOI 10.1007/s00287-004-0409-6
© Springer-Verlag 2004
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Das OSF Distributed Computing
Environment
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Erläuterung
Verteilte Anwendungsprogramme auf Rechnernetzen gewinnen immer stärker
an Bedeutung in Bereichen wie Büroautomatisierung oder rechnerintegrierte
Fertigung. Zur Realisierung solcher Programme sind spezielle Werkzeuge
und Laufzeitmechanismen wünschenswert [1]. Das
Distributed Computing Environment (DCE) der Open Software Foundation (OSF)
[2, 3, 4]
ist ein entsprechendes unterstützendes Gesamtsystem.
Die Funktionalität des DCE umfaßt die Kommunikation in heterogenen Systemen
mittels RPC, nebenläufige Verarbeitung durch leichtgewichtige Prozesse,
verteilte Namensverwaltung, Gewährleistung von Sicherheitsaspekten (z.B.
Zugriffsschutz), verteilte Synchronisation der Systemzeit, verteilte Dateiverwaltung
und Integration von PCs und plattenlosen Rechnern in eine verteilte Workstation-Umgebung.
Diese Funktionalität wird durch verschiedene dedizierte Teilkomponenten
erbracht, die von der OSF aus existierenden Systemvorschlägen aufgrund
praxisnaher Kriterien ausgewählt und integriert wurden. Zahlreiche Hersteller
sind inzwischen Mitglied der OSF und werden eine DCE-Realisierung in Kürze
auf ihren Systemen anbieten (z.B. für OSF/1, DEC/Ultrix, IBM/AIX, SunOS,
VAX/VMS und z.T. begrenzt für PC/DOS, OS/2 und OS/400). Durch einheitliche
Programmier- und Kommunikationsschnittstellen des DCE für alle Plattformen
ist die durchgängige Portabilität von DCE-Anwendungen garantiert; dies
ist neben der umfangreichen Funktionalität des DCE ein wesentliches Kriterium
für die große praktische Bedeutung dieser Softwareumgebung.
Abbildung 1 zeigt die Gesamtarchitektur des DCE. Alle Komponenten basieren
auf lokalen Betriebssystemdiensten (z.B. von Unix) und Transportdiensten
(z.B. TCP/IP). Verteilte Anwendungen verwenden die sog. DCE-Basisdienste
(kursiv in Abb. 1) explizit über eine in C eingebettete Programmierschnittstelle
[5] und die weiteren DCE-Systemdienste
implizit über z.T. modifizierte Betriebssystemoperationen. Die DCE-Teilkomponenten
machen intern auch gegenseitig voneinander Gebrauch.
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Abb 1 Gesamtarchitektur des OSF DCE
Basisdienste
Der Threads Service (Basis: DEC Concert Multithread Architecture)
bietet eine portable (POSIX Standard 1003.4a, Draft 4) Implementierung
leichtgewichtiger Prozesse (Threads) an. Diese teilen sich einen Adreßraum
und ermöglichen die nebenläufige Verarbeitung. Dadurch können z.B. entfernte
Aufrufe quasiparallel abgesetzt oder lokale Berechnungen nebenläufig durchgeführt
werden.
Der Remote Procedure Call (Basis: DEC/HP Network Computing System)
dient zur Kommunikation zwischen verteilt plazierten Modulen einer Anwendung
auf der Basis des Client/Server-Modells; ein Client fordert bestimmte
Dienste von einem Server in Form entfernter Prozeduraufrufe an. Die Prozedurschnittstellen
werden in einer deklarativen Sprache (IDL), Interface Definition Language)
in Anlehnung an C beschrieben. Das DCE bietet einen IDL-Compiler sowie
Laufzeitmechanismen zur Zuordnung von Servern zu Clients (Binden)
und zur IDL-basierten Kodierung und Übertragung entfernter Prozeduraufrufe
an. Es sind geschachtelte Parameterstrukturen mit Zeigern und Feldern
möglich, deren Daten als Wertparameter übergeben werden. Der DCE-RPC bietet
eine wählbare Aufrufsemantik (z.B. At-Most-Once-Semantik für normale
Aufrufe, die effizientere Idempotent-Semantik für reine Leseoperationen
und die Maybe-Semantik für unbestätigte Aufrufe), nebenläufige
Aufrufbearbeitung durch mehrere Server-Threads, geschachtelte Aufrufe
und Rückaufrufe vom Server an den Client, sichere (authentisierte, autorisierte
und verschlüsselte) Aufrufe und Kommunikation zwischen heterogenen Rechnern
mit automatischer Datenformat-Konvertierung.
Der Cell Directory Service (CDS) (Basis: DEC Distributed Naming
Service (DNS)) verwaltet logische Namen, z.B. von Servern, und bildet
diese auf Netzadressen ab, um den Zugriff z.B. durch Clients, zu ermöglichen.
Der verwendete Namensraum ist hierarchisch strukturiert. Auch attributierte
Namen sind möglich, was z.B. die Anfrage unter Ressourcen-bezogenen Nebenbedingungen
erlaubt. Der CDS wird durch mehrere Server implementiert, was z.B. intern
die teilweise Replikation des Namensraums ermöglicht. Clients halten sich
einen Cache von Anfrageergebnissen. Hierdurch können Verfügbarkeit und
Zugriffseffizienz verbessert werden. Die Programmierschnittstelle wird
durch das standardisierte X/Open Directory Service Interface realisiert.
Der Security Service (Basis: MIT/Kerberos [6],
ergänzt von HP Security Components) ermöglicht Authentisierung, Autorisierung
und Verschlüsselung. Bei der Authentisierung bestätigt ein Client durch
Angabe eines geheimen Codes (generiert aus seinem Paßwort) gegenüber einem
Server, das es sich bei ihm wirklich um die vorgegebene Identität handelt;
dies ist auch umgekehrt für Server möglich. Die Autorisierung ermöglicht
die selektive Vergabe von Zugriffsrechten an Clients mittels Zugriffskontrollisten.
Die Verschlüsselung von RPC-Nachrichten wird durch geheime Schlüssel realisiert.
Der Distributed Time Service (DTS) (Basis: DEC Distributed Time
Synchronization) ermöglicht die Synchronisation der Systemuhren in einer
verteilten DCE-Umgebung durch periodischen Austausch der Systemzeit. Es
ist auch eine Synchronisation mit externen Zeitgebern möglich. Insgesamt
wird hierdurch v.a. die Realisierung Zeitstempelverteilter Algorithmen
erleichtert.
Weitere Systemdienste
Der Global Directory Service (GDS) (Basis: Siemens X.500) ergänzt
den Cell Directory Service um eine globale Namensverwaltung für große
Netze. Der GDS ist konform zur CCITT X.500-Norm, was weltweite Interoperabilität
ermöglicht. Neben dem GDS kann auch der Internet Domain Name Service
(DNS) als globaler Namensdienst mit dem CDS integriert werden
Das Distributed File System (Basis: Andrew File System [7]
der CMU) dient zur netzweiten Dateiverwaltung. Es wird durch mehrere Server
implementiert. Clients können innerhalb eines Verwaltungsbereiches lokationstransparent
auf verteilt gespeicherte Dateien zugreifen. Der DFS erreicht eine hohe
Effizienz und Skalierbarkeit durch ein gezieltes Caching auf den Client-Rechnern.
Es ist auch Interoperabilität mit dem SUN Network File System (NFS)
möglich; NFS kann als Client auf DFS-Server zugreifen.
Mit Hilfe des Diskless Support (Basis: HP Diskless Client Support)
können plattenlose Workstations in eine DCE-Umgebung integriert werden
und z.B. auf das DSF zugreifen.
Die PC Integration (Basis: SUN PC/NFS und HP/Microsoft LAN-Manager/X)
ermöglicht den Zugang von PCs (mit DOS, UNIX oder OS/2) auf DCE-Server,
primär auf DFS und dedizierte Druckerserver.
Gesamtbewertung
Das OSF DCE zeichnet sich durch recht umfassende Funktionalität, gute
Komponentenintegration, herstellerübergreifende Interoperabilität in heterogenen
Systemen sowie Produktqualität aus. Die Entwicklung verteilter Anwendungen
wird durch das DCE auch nach eigenen Erfahrungen deutlich erleichtert.
Die DCE-Programmierschnittstellen sind allerdings teilweise sehr umfangreich
und daher mit einigem Lernaufwand verbunden. Die DCE-Systemadministration
erfordert aufgrund der umfassenden Funktionalität und der inhärenten Komplexität
der DCE-Komponenten deutlich mehr Detailwissen als das herkömmliche Systemmanagement.
Zukünftige Erweiterungen sollten an diesen Stellen ansetzen und z.B. vereinfachte
objektorientierte Schnittstellen, etwa auf der Basis von C++, sowie weiterführende
Management-Werkzeuge anbieten. Wünschenswert wäre auch die Integration
verteilter Transaktionsverfahren, was gerade für kommerzielle Anwendungen
von großer Bedeutung ist.
Insgesamt dürfen aber die Vorteile des DCE deutlich überwiegen; die Entwicklung
verteilter heterogener Anwendungen ohne eine Umgebung wie das DCE wirft
ungleich mehr Schwierigkeiten auf. Für die Zukunft bleibt abzuwarten,
inwieweit praktisch bedeutsame Erweiterungen und neue Standards verstärkt
berücksichtigt werden. Schon heute bietet das DCE aber eine vollständige,
fertige Systemumgebung für die kommerzielle Software Entwicklung an.
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Literatur
- Mühlhäuser, M., Schill, A.: Software
Engineering für verteilte Anwendungen, Berlin-Heidelberg: Springer
1992
- Open Software Foundation: Introduction to OSF
DCE, Cambridge, USA, 1992
- Hülsenbusch, R.: Verteilungswerkzeuge:
DCE - Integrierte Tools für verteilte Anwendungen, iX, 1, 86-90
(1992)
- Schill, A.: Das OSF Distributed Computing Environment:
Grundlagen und Anwendung. Berlin-Heidelberg: Springer (im Druck)
- Open Software Foundation: DCE Application Develpment
Guide, Cambridge, USA, 1992
- Steiner, J.G.., Neuman, C., Schiller, J.I.:
Kerberos: An Authentication Service for Open Network Systems. Usenix
Winter Conf., Berkeley, CA, Jan 1988, p. 191-202
- Morris, J.H. Satyanarayanan, M., Conner, M.H.,
Howard, J.H., Rosenthal, D.S., Smith, F.D.: Andrew: A Distributed Personal
Computing Envirenment. Comm. ACM 29 184-201 (1986)
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Autor & Copyright
A. Schill
Universität Karlsruhe,
Institut für Telematik
Am Zirkel 2, W-7500 Karlsruhe 1
© 1992 Informatik Spektrum, Springer-Verlag Berlin Heidelberg
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